Kautokeino – Goaskinvárri 15km

Wiederholt muss ich mit einem kräftigen Schluck Rödsprit nachhelfen um das Feuer zu entfachen. Der Hügel, an welchem ich mein Lager aufgeschlagen habe, ist umgeben von weiten Sumpfflächen. Das Holz ist nass, der Boden ist nass – doch das Zelt steht und ich habe etwas gegessen. Am Horizont verschwindet die Sonne und lässt den Himmel über der weiten Landschaft rot erleuchten. Tag 1 überlebt.

Campfire Nordkalottleden

Am frühen Morgen bin ich mit dem Flieger von Oslo in den äußersten Norden von Skandinavien geflogen. Der Norweger, welcher mich am Straßenrand in Alta aufliest und Richtung Kautokeino mitnimmt, versteht mein Vorhaben nicht. Den schönsten Teil lasse ich hinter mir, sagt er, da unten ist alles flach und voller Moskitos. Ich schaue aus dem Fenster und kann nachvollziehen, was er meint. Steil ragen die Felswände auf, schäumend fließt der Fluss an der Straße entlang. Ein anderes Mal vielleicht.

Außer mir und einem Deutsch Drahthaar Rüden ist noch Gabrielle im Wagen. Der Argentinier ist ebenso auf dem Weg nach Kautokeino, möchte von dort aber weiter Richtung Helsinki. Während ich die am Fenster vorbeiziehende Landschaft betrachte, unterhält er den Fahrer. Seit neun Jahren ist er nun schon auf Reise, hat Australien und Neuseeland erkundet. Später Süd- und Nordamerika. Inzwischen ist er seit einem Jahr in Europa, wollte eigentlich zum Nordkap, flieht aber nun vor dem Winter Richtung russische Grenze. Fotos macht er schon lange keine mehr, hat er doch schon fast alles gesehen, erzählt er. Er kann sich noch an vielem erfreuen, aber wirklich überraschen kann ihn kaum noch etwas.

„The only thing i regret the way I’m living, is not to have start sooner.“

Der Norweger nimmt uns einen Großteil der immerhin 130 Kilometer mit. Er hält nur kurz an, um uns am Straßenrand Moltebeeren zu zeigen. Bereits nach dem ersten Schritt von der Straße herunter kann ich spüren, wie mir das Wasser in die Schuhe läuft. Trocknen werden sie die nächsten Tage nichtmehr.

Moltebeeren

Moltebeeren gehören zu den teuersten Beeren weltweit

Das letzte Stück bis in den Ort werden wir von einem älteren Paar mitgenommen. Im Winter Schnee, im Sommer Regen und Moskitos, sagt die Samifrau und lässt uns an der Tankstelle raus. Verstreut liegen die Häuser des Ortes an der Straße, grau ist der Himmel und es nieselt leicht. Es ist Ende August, die Temperatur liegt tief im einstelligen Bereich. Schön ist das nicht, denke ich mir und mache letzte Besorgungen im Supermarkt.

Die Schotterpiste, in welche mich das Schild mit der Beschriftung „Nordkalottruta“ hineingeführt hat, endet an einem Haus am See. Hier also beginnt der Weg, dem ich für die nächsten 800 Kilometer folgen möchte, welcher mich durch das skandinavische Fjell leiten wird. Doch bereits hier weiß ich nicht weiter, kann keinen weiteren Wegweiser entdecken. Im beginnenden Regen setze ich meinen Rucksack ab und krame meine Regenkleidung und die Karte hervor. Es ist bereits später Nachmittag, ich plane noch ein Stück zu gehen und mir einen Platz zum Schlafen zu suchen.

Der kleine Trampelpfad führt mich durch Birkenwäldchen um den See herum. Immer wieder muss ich größere Sumpfgebiete passieren, unentwegt stapfe ich durch Wasser. Oft lässt sich der Wegverlauf nur anhand der umgeknickten Sumpfgräser deuten.

Die wenigen Stege aus Birkenstämmen, die es gibt sind im Morast versunken. Mit den Füßen stochere ich im trüben Wasser herum, um sie zu ertasten und verfehle sie doch des Öfteren. „Unmöglich kann das der Weg sein“, denke ich mir, „das macht doch niemand freiwillig“. Hätte ich nicht gewusst, was mich erwartet, ich wäre vermutlich umgekehrt. Doch ich las im Vorfeld davon. Die wenigsten gehen diesen Teil des Weges und wenn doch, dann berichten sie wenig Positives. So füge ich mich und bahne mir meinen Weg durch das Moor.

Auf einer Anhöhe setze ich mich und mache Rast. Der Regen hat aufgehört, der Wind hier oben hält mir die Mücken vom Leib und ich lasse den Blick über die weite Landschaft schweifen. Doch irgendwas stimmt nicht. Den Wegverlauf der ersten Kilometer habe ich mir genaustens eingeprägt. Für diesen kurzen ersten Teil habe ich die Karte eingespart. Zuerst in westliche Richtung vom Ort weg, dann nach Norden auf einen Hügel. Doch nun sitze ich hier und blicke in die falsche Richtung. Das ungute Gefühl wird bald zur Gewissheit. Den Wegmarkierungen folgend steige ich wieder ab und erreiche bald einen in den Boden gerammten Pfosten mit einem Pfeil, welcher ziemlich eindeutig die Richtung anzeigt. Die richtige Richtung. Also die andere. Wie ich den direkt am Wegesrand übersehen konnte, ist mir gänzlich unerklärlich. Ebenso unerklärlich ist mir der Verbleib meines Moskitonetzes. Mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand ist nichtmehr auffindbar. Die windige Anhöhe verlassen, nun wieder im Birkenwald stehend bin ich bald in eine Wolke von Moskitos gehüllt. Fluchend leg ich den Rucksack auf den Boden und eile den Hügel wieder hinauf. Hektisch tastet mein Blick die Umgebung ab. Ohne das Kopfnetz bin ich aufgeschmissen. Ein weitergehen nahezu undenkbar. Der Wind der mich vor den Mücken geschützt hatte fegt nach wie vor über den Bergkamm. Ich hoffe, dass das Netz nicht hinfort geweht wurde, überprüfe mit einem kurzen Blick jedes Gestrüpp. Doch tatsächlich liegt das Netz noch an der Stelle, wo ich Rast machte. Mehr Glück als Verstand denke ich mir und laufe zügig zurück zum Rucksack. Noch hab ich Energie.

Goaskinvárri – Raisavárri 33km

Am Morgen steht mit dem Čunojohka die erste größere Flussquerung für mich auf dem Plan. Ich habe gut geschlafen, das Wetter schaut vielversprechend aus und so stehe ich im breiten Flussbett auf einem Stein und summe vor mich hin während ich mich wasche. Der Untergrund ist heute deutlich trockener, immer noch Sumpf und Morast, aber das Gröbste habe ich wohl hinter mir gelassen.

Den Umweg über die private Unterkunft Madam Bongos Fjellstue spare ich mir am frühen Morgen und kürze über die Straße ab. Fortan führt mich der Pfad zumeist auf Quadspuren durch den lichten Birkenwald. Immer wieder gilt es kleinere Sumpfgebiete zu queren oder Flüsse zu durchwaten. Es ist windig an diesem Tag, doch scheint immer wieder mal die Sonne und ich bleibe von Regen verschont.

Mit Blick auf eine Rentiersammelstelle mache ich Pause. Im Windschatten eines Felsbrockens koche ich mir einen Tee und genieße die Ruhe und den Blick in die Weite. Während meines Aufbruchs spricht mich plötzlich eine Stimme an. Florence folgt meinen Fußspuren schon seit der Fjellstue. Die Französin mit dem unglaublich großen und völlig unförmigen Rucksack ist unterwegs auf dem E1 vom Nordkap nach Italien. Ein gewagter Plan so spät im Jahr denke ich – auch ihr sind inzwischen Zweifel gekommen. Im Verlauf des restlichen Tages treffen wir uns immer wieder.

„Half of my life i hike, half I work. It’s not always nice. I’m getting tired of quitting my job and apartment – leaving my family and friends.”

Auf dem 600m hohen Rivvkoš mit Blick auf den unter uns liegenden Ráisjávri See verabschieden wir uns. Sie möchte ihr Zelt in der Nähe aufbauen, ich möchte noch den See erreichen damit ich, wie geplant, am morgigen Abend in der Nähe des Immofossen nächtigen kann. „Winter is coming“ sag ich und gehe weiter. Es dauert nicht lange, da höre ich das schlurfen ihrer Regenhose hinter mir. „Winter is coming“ wiederholt sie und ist vermutlich ebenso froh wie ich für das kommende Sumpfgebiet Begleitung zu haben.

An der Reisavannhytta bauen wir unsere Zelte auf. Florence verschwindet als bald im selbigen. Ich nutze den See noch, um mich zumindest vom gröbsten Schmutz zu befreien und versuche am Lagerfeuer meine Socken zu trocknen.

Entgeistert stelle ich diesen Abend fest, dass das Tragegestell meines Rucksacks gebrochen ist und den Liner, also jenen Beutel der meine Ausrüstung vor Feuchtigkeit schützen soll, zerlöchert hat. Notdürftig flicke ich das Gestänge mit Panzertape – später werde ich es entsorgen. Im Laufe des Nachmittags musste ich bereits feststellen, dass die Kamera sich nicht aufladen lässt. Fotos nur noch mit dem Smartphone machen zu können, ist das eine Übel – auf den nächsten Kilometern den Fotoapparat als totes Gepäck mit mir umher zu tragen, ist das andere.

Reisavannhytta – Immogammen 27km

Es ist ein grauer nasskalter Morgen. Ich liege noch im Schlafsack, es ist früh, kaum richtig hell. Im Vorfeld der Wanderung nahm ich mir vor es langsam angehen zu lassen, mich in den ersten Tagen zu schonen und stetig die Belastung zu steigern. Keine zwei Tage bin ich nun unterwegs, habe auf den wenigen Kilometern die ich erst gegangen bin immer in meinen Körper reingehorcht, ob irgendwas zwickt oder mein Knie sich zu Wort meldet. Trotzdem liege ich nun hier und mein rechter Fuß schmerzt, ich kann den großen Zeh nicht bewegen.

Die ersten Kilometer sind eine Qual, doch das kalte Wasser betäubt bald den Schmerz. Auch habe ich bald keine Zeit mehr mir über meinen körperlichen Zustand Sorgen zu machen. Am Ufer des Reisavann gilt es ein größeres Sumpfgebiet zu überqueren. Die Quads der Sami haben tiefe Spuren im Moor hinterlassen. Obwohl diese Fahrwege mit Kunststoffgittern ausgelegt sind, meide ich es darauf zu laufen. Unkontrolliert versinken sie im Wasser, tief ist der Morast. Abseits der Fahrspuren wippt der Boden, immer wieder versinken meine Füße schmatzend im Untergrund.

Als ich auf halber Strecke durch den Sumpf einen breiten Fluss durchquere, schließt auch Florence wieder auf. Obwohl dieser Abschnitt auf der Karte von seinen Ausmaßen verschwindend gering ist, bleibt er mir nachhaltig im Gedächtnis.

Das Wetter bleibt den Tag unverändert, es ist grau, die Wolken hängen tief immer wieder beginnt es zu nieseln. Doch die Landschaft wird zunehmend ansprechender. Der Weg gewinnt an Höhe, durchquert Birkenwälder mit Unmengen an Blaubeeren. Mehrere Flüsse müssen gefurtet werden. Immer wieder lassen sich Rentiere am Wegesrand entdecken. Die Krüppelbirken weichen einer baumlosen Berglandschaft mit einzelnen Sumpfbecken.

Gegen Nachmittag fällt der Weg dann in den Reisacanyon ab. Durch felsige Kiefernwälder, Blaubeeren und Pilze verliere ich rasch an Höhe. Auf dem Boden liegen immer wieder die Hinterlassenschaften von Elchen.

Florence hat mich längst abgehängt. Sie möchte heute noch zur Nedrefosshytta. Ich werde auf jeden Fall den kurzen Umweg zum Immofossen gehen. Auf dem Weg dorthin kommen mir zwei Spanier entgegen. Ricardo und Antoni sind seit 28 Tagen auf dem Nordkalottleden unterwegs. Kurz werden ein paar Worte über Ausrüstung ausgetauscht, die Beiden sind auch mit wenig Gepäck unterwegs, dann geht es für mich weiter zum Wasserfall.

Inmitten des Märchenwaldes fallen zwei Flüsse in einen kleinen Kessel. Gigantisch ist der Anblick. Trotz einsetzenden Regens klettere ich noch bis vorne auf den letzten Felsen um das gigantische Naturspektakel zu betrachten.

Unweit des Immofossen liegt eine kleine Hütte inmitten des Waldes. Die Tür ist so niedrig, dass ich mit dem Rucksack auf allen Vieren reinkrieche. Die einfache Blockhütte hat einen Holzofen, einen kleinen Tisch sowie zwei Pritschen die Bett und Bank zugleich sind. Die Balken sind mit Moos abgedichtet, an der Wand hängen schwarz verrußte Pfannen.

Immogammen

Die Immogammen Hütte liegt versteckt im Wald nahe des Immofossen

Ich wärme mir die geschundenen Füße am Ofen und trinke Unmengen Tee, während ich im Kerzenschein das Hüttenbuch lese. Es ist noch nicht spät, doch für mich ist heute Feierabend.

Immogammen – Zelt 23km

Ich bleibe liegen solang ich kann. Doch irgendwann kann ich die Füße nichtmehr stillhalten. So ist es neun Uhr, als ich aufbreche.

Auf Höhe der Nedrefosshytta treffe ich einen Österreicher, welcher Richtung Nordkap unterwegs ist.  Er ist in seiner Heimat gestartet und möchte nun schnellst möglich sein Ziel erreichen. Dafür plant er das Tal weglos zu verlassen und sich direkt nach Alta durch zu schlagen. Nach so langer Zeit ist es ihm das wert sagt er. Wir sind beide noch nicht lang auf den Füßen und wechseln nur rasch wenige Worte um dann fort zu schreiten.

Fortan führt mich der Nordkalottleden am Fluss entlang durch den Canyon. Auenwälder mit dichtem, teils brusthohen Farnbewuchs wechseln sich mit höher liegenden schönen Kieferwäldern ab.

Immer wieder fallen enorme Wasserfälle in das Tal. Zahlreiche Feuerstelle weisen auf die vielen Angler hin die mit Booten von Saraelv aus den Fluss befahren.

Mollisfossen Wasserfall

Der 269m hohe Mollisfossen im Reisa-Nationalpark

Während meiner üblichen Teepause bietet die Voumatakkagammen mir Schutz vor dem leichten Nieselregen, der heute das Wetter prägt. Die kleine Blockhütte ist ähnlich derer, welche ich heute Nacht als Unterschlupf hatte. Ein wenig größer und neuer, gefühlt sauberer.

Vor der Siemmahytta liegen vier Boote im Wasser. Ich grüße hinüber und gehe weiter. Den Schmerz im Fuß hab ich mittlerweile weggelaufen, geistesabwesend laufe ich stetig weiter, bis die Dämmerung anbricht. Aufgrund der Witterung baue ich mein Zelt in der Nähe einer Windschutzhütte auf. Den einfachen Unterstand nutze ich als Küche. Geschützt vor Regen und Wind nehme ich mein Essen zu mir und ordne meine Ausrüstung. Noch immer hängen die Wolken tief im Tal. Düster wirken die bewaldeten Hänge. In der einbrechenden Dunkelheit zieht ein weiteres Boot flußaufwärts. Der Außenbootmotor ist noch lange zu hören.