Nachdem ich gestern zum ersten mal vom Canigou das Meer sehen konnte, stelle ich heute fest wie unwahrscheinlich sich die Vegetation bereits gewandelt hat. Die typische Pflanzenwelt des Hochgebirges, welche mich die letzten Tage begleitet hat, ist verschwunden. Deutlich mediterraner sind die klimatischen Bedingungen nun, es ist heiss und trocken.

Sonnenaufgang über dem Meer

Noch im Dunkeln habe ich mein Zelt abgebaut und mich davon geschlichen. Die Gefahr, dass ein Großteil der anwesenden Partygäste vom Refuge des Cortalets in dieselbe Richtung wie ich weiterzieht, ist mir zu groß. Denn ich befinde mich nun wieder auf dem GR10, dem französischen Äquivalent zum GR11, welchem ich die letzten Tage öfters folgte. Ebenso wie die HRP endet der Grand Randonee 10 in Banyuls-sur-mer und so werde ich diesem für die letzten Kilometer ans Meer folgen.

Der Abstieg nach Ales-sur-Tech ist karg, die Landschaft vom trockenen und sonnigen Klima geprägt. Zuerst treffe ich auf die verlassenen Gebäude einer alten Mine. In einem davon ist heute ein Restaurant untergebracht. Zu meinem Leidwesen ist heute aber geschlossene Gesellschaft. Bald darauf leitet mich der Pfad mitten in eine Art – ich sag mal- Kommune. Überall im Unterholz stehen Wohnwagen, Transporter, Verschläge oder Tipis. Auch einen großen Gemüsegarten quere ich. Obwohl der Weg mitten durch die Dorfgemeinschaft führt, bekomme ich von den Bewohnern der Siedlung nur wenige zu sehen.

Im weiteren Abstieg zerbreche ich mir noch den Kopf, wie um Gottes Willen die Fahrzeuge dort oben gelandet sind, als plötzlich unmittelbar vor mir ein großer Mercedes-Benz 508 durch das Gebüsch bricht, um den verwachsenen und holprigen Weg nach oben zu schaukeln.

Kurz vor Arles-sur-tech stoße ich auf Carlos: Den ersten Spanier, welchen ich treffe, der den HRP geht. Er ist bereits fast doppelt solange unterwegs wie ich, hat jedoch dank Steigeisen und Eisaxt auch jeden verdammten Gipfel mitgenommen. Bis zum Ort gehen wir gemeinsam und plaudern ein wenig. Der frisch gebackene Mediziner ist passionierter Eiskletterer. Zu meiner Überraschung kann er seiner Leidenschaft in seiner Heimat nachgehen, obwohl er aus dem Herzen Spaniens kommt.

Es ist Sonntag, Carlos bräuchte Gas und ich etwas Anständiges zu essen. Bei einer kalten Cola in einer Bar entschließen wir uns, noch gemeinsam bis zu einer privaten Unterkunft wenige Kilometer weiter zu gehen und dort zu nächtigen.

Im Aufstieg verliere ich ihn bald, doch nicht viel später nach mir trudelt er dann doch beim Gästehaus Moli de la Paleta ein. Ich schlage mein Zelt im Garten auf, während er ein Zimmer nimmt. Carlos hat nur ein Tarp dabei und meint die letzten Tage zu oft Probleme mit Mücken gehabt zu haben.

An allen Ecken und Kanten sieht man die Handschrift der Besitzer, welche hier viel in Eigenleistung auf- und umgebaut haben. Das Anwesen hat viel Charm und wird ökologisch und nachhaltig in dem engen Tal bewirtschaftet. Der Hausherr kocht am Abend für uns und die anderen Gäste. Auch heute liegt der Fokus auf der Sättigungsbeilage Reis.

Als im am Abend ankam bat mich der Gastgeber wegen der Wildschweine sämtliche Nahrungsmittel im Haus zu lagern. Und tatsächlich scheuche ich die ein oder andere Sau auf, als ich mich am Morgen wieder auf den Weg mache. Die steilen mit Felsen durchsetzen Steineichenwälder errinern mich immens an meine Wanderung auf der GR221 auf Mallorca.

Die Wegfindung ist schwierig. Öfters verliere ich den Pfad und suche mir meinen Weg durch das Dickicht. Vermutlich wäre es klüger gewesen auf der Route zu bleiben und den kurzen Umweg zu akzeptieren, anstatt wild abzukürzen.

Die Berge, sofern man sie noch so nennen möchte, werden deutlich niedriger. Meine Laune steigt. Heute ist mein vorletzter Tag, für den Abend habe ich einen Sattel wenige Stunden vor Banyuls ins Auge gefasst. Ich habe wiederholt gelesen, dass dies ein excellenter Ort wäre um von dort am nächsten Tag in die Stadt abzusteigen. Ich komme am Morgen gut voran, das Ziel für den Abend scheint machbar zu sein.

Kurz unterhalb des Ermita de las Salinas mache ich am Brunnen Pause. Ich liege gut in der Zeit, der Weg ist super zu laufen und ich gleite förmlich durch die Wälder.

Als ich am Wrack eines Defenders kurz innehalte und mein Smartphone checke merke ich, dass ich die letzte halbe Stunde vom Weg abgekommen bin. Nachdem ich nun die letzten Stunden immer den Markierungen des GR nachgerannt bin habe ich mich wohl fehlleiten lassen. Die Markierungen laufen auf der falschen Seite des Berges hinab. Völlig genervt laufe ich zügig wieder die mehrere hundert Höhenmeter, die ich soeben noch blöd grinsend runtergerannt bin, wieder hinauf. um dann auf der anderen Seite ins Tal nach Las Illas abzusteigen.

Dort führe ich mir im örtlichen Restaurant wie üblich meine Kalorien über eine kalte Cola und ein Eis zu. Im Nachinein wäre es wohl klüger gewesen, auf dem falschen Pfad zu bleiben und einfach nach Le Perthus zu trampen um dort wieder auf die eigentliche Route zu stoßen. So habe ich mich eine Stunde von meinem Tagesziel entfernt.

Die Weg nach Le Perthus folgt einem breiten und staubigen Wirtschaftsweg ohne viel Steigung. Nach einigen Stunden erreiche ich den Ort, welcher den Wanderer mit einer riesigen Burganlage willkommen heisst. Was von weitem einladend und sehenswert aussieht, entpuppt sich aber nach betreten der Stadt als totale Katastrophe. Wie zuvor auch andere Grenzstädte, ist der Ort ganz auf Kunden aus dem Nachbarland ausgelegt. Steuerlich günstig lassen sich hier im spanischen Teil der Stadt Alkohol und Zigaretten erwerben. Aber auch billige Mode aus Fernost wird für die Kundschaft aus dem Land der Haute Couture angeboten. Gleich mehrere Supermärkte wechseln sich mit Ramschläden ab. Die Straße ist brechend voll, überall werden Einkäufe in Autos verstaut, auf dem Gehweg werden Einkaufstaschen, gefüllt mit literweise Hochprozentigen, umher getragen. Es ist laut, es nervt.

Am Ortsausgang bin ich etwas unschlüssig, meine Wegbeschreibung schickt mich über die Straße den Berg hinauf, doch die Beschilderung weist mich eines anderen Weges. Angesicht meiner Ratlosigkeit spricht mich der Hundefänger des Ortes an. Er empfiehlt mir den Weg über die Straße, in regelmäßigen Abständen würde ich eingefaßte Quellen passieren und außerdem staut sich im Wald die Hitze so sehr. Angesichts der kundigen Beratung mache ich mich also auf und laufe die Straße hinauf. Wenngleich auch ich keine Hitze mehr befürchten müsste, denn der Himmel zieht nun gegen Abend abermals bedrohlich zu.

Nach wenigen Kilometern auf dem Asphalt hält neben mir ein Auto an, die ältere Frau fragt ob sie mich mitnehmen soll. Angesichts der Hilfsbereitschaft, dem Wetter, dem Asphalt unter meinem Füßen und den elendigen Umweg den ich am Morgen lief, willige ich sofort ein. Die Dame wohnt hier oben, nur eine kleine eingeschworene Gemeinde seien sie. In das einstige Ferienhaus ihrer Familie ist sie mit ihrem Mann eingezogen; als sie in Rente gingen. Stolz zeigt sie mir etwas weiter untem im Wald den blauen Pool der zu dem Haus gehört. Obwohl nicht auf ihrem Weg, fährt sie mich tatsächlich noch bis an mein Ziel auf den Sattel Col de l’Ouillat. Das ist nun bereits das zweite Mal auf dieser Wanderung, dass mir jemand – von sich aus und völlig ungefragt – eine Mitfahrgelegenheit anbietet.

Im Gastgarten des Chalet de l’Albère, welches hier oben steht, überrascht mich ein etwas ungewöhnlicher Gast. Mitten zwischen den Tischen steht ein Wildschwein. Überhaupt nicht scheu schaut es mich an, kratzt sich mit dem Hinterlauf und geht seines Weges.

In dem Restaurant nehme ich mein Abendessen zu mir, baue mein Zelt nicht unweit unter Bäumen auf.

Auf der Terrasse des Chalet de l’Albère

In der Nacht jedoch, finde ich kaum Schlaf. Stundenlang wühlen und grunzen das oder die Wildschwein(e) in der Nähe meines Zeltes, während sie im Farn auf Nahrungssuche sind. Irgendwann stehe ich auf und versuche sie zu vertreiben, doch so laut ich auch schreie, die Sau hat nicht die Spur einer Angst vor mir, würdigt mich keines Blicks und frisst in aller Seelenruhe weiter.

Nur noch wenige Kilometer sind es bis zum Mittelmeer. Die Landschaft wird karger, die Flora struppiger. Unverkennbar bin ich nun am Mittelmeer. Die Temperaturen scheinen dies nochmals unterstreichen zu wollen und so wandere ich bei brütender Hitze die letzten Kilometer nach Banyuls sur mer.

Dort komme ich gegen Mittag an und tue das, was wohl fast jeder Haute Route Walker vor mir tat: Nach fast 800 Kilometern und fast 25 Tagen tauche ich meine geschundenen Füße ins Meer.