Pausentag – Kilpisjärvi

Per Anhalter geht es nach einem ausgiebigen Frühstück vom etwas außerhalb gelegenen Wanderzentrum Kilpisjärvi Retkeilykeskus in das Ortszentrum. Auf der Straße, die sich schnurgerade am See entlang zieht, stehen überall Rentiere. Der Winter kommt und es ist Paarungszeit, somit ziehen die Tiere nun aus dem Gebirge herunter in das Tal. Dem Umstand geschuldet, dass sie hier gefüttert werden, sind sie bei weitem nicht so scheu wie in den Bergen.

Im Gebäude neben der Tankstelle ist nebst dem Supermarkt auch ein Sportgeschäft. Im Sortiment sind hauptsächlich Angelsachen, Fjällräven Hosen und Salomon Schuhe. Ich kann eine Fleecejacke entdecken, die zwar weder leicht noch günstig ist, mir aber passt. Im Vorfeld hatte ich lange abgewogen ob ich eine mitnehme und mich schlussendlich dagegen entschlossen. Nachdem ich nun rund eine Woche unterwegs bin, muss ich feststellen, dass die Kombination aus Longsleeve und Windjacke mir doch zu kalt ist. So zahle ich nun mein Lehrgeld. Des Weiteren kaufe ich eine Kniebandage.

Zurück zum Campingplatz geht es im Wohnmobil eines finnischen Ultraläufers. Die Gegend kennt er gut. Im letzten Jahr ist er 50 geworden und hat die Distanz von 1600 Kilometern durch sein Heimatland in 21 Tagen zurückgelegt. Tausend Meilen in 21 Tagen sagt er – zurecht mit Stolz.

Den restlichen Tag verbringe ich zum größten Teil im Zelt. Ich trinke Tee, esse das Obst, welches ich im Ort kaufte und schlafe viel. Der Pausentag tut mir zwar gut, doch mein Knie zeigt sich relativ unbeeindruckt.

Vor Reisebeginn hatte ich mir Nachschubpakete an die drei großen Zwischenstationen meiner Route geschickt. Diese decken einen Großteil meines Bedarfs an Lebensmitteln für die jeweils etwa 200 Kilometer langen Teilstücke. Mein erstes Fresspaket wollte ich heute hier in Empfang nehmen, die nette Rezeptionistin konnte es jedoch nicht ausfindig machen. Meine Recherche ergibt, dass die Lieferung noch im Paketzentrum liegt. Bis zu drei Wochen kann die Zustellung aus Deutschland dauern sagt man mir. Aber es gibt auch positive Nachrichten zu vermelden, meine Kamera läuft wieder. Leider ging sie wohl die ganze Zeit.

Sonnenuntergang Retkeilykeskus Kilpisjärvi
Blick vom Retkeilykeskus auf den See Kilpisjärvi
Kilpisjärvi – Treriksröset 12km

Die Nacht hat es durchgeregnet und allem Anschein nach, habe ich die Nähte des Zeltes schlampig abgedichtet – es tropft vom First herunter und am Fußende hat sich bereits eine Pfütze gebildet.

Bis das Restaurant öffnet dauert es noch rund eine Stunde, so packe ich derweil mein ganzes Geraffel in den Trockenraum des Campingplatzes. Auf dem Weg zum Frühstück spricht mich Gerald an. Eine ganze Weile sitzen wir beim Essen zusammen und tauschen uns aus, er ist auf dem Weg zur russischen Grenze – läuft Norwegen der Länge nach. Norge pa langs, diese Wanderung führt einen auf fast 3000 Kilometern vom südlichsten Eck bis in den hohen Norden an das Nordkap. Jedoch ist weder die Route noch Start- oder Zielpunkt festgelegt und so beschreitet jeder Wanderer seinen eigenen Weg. Bereits eine ganze Weile ist er unterwegs und das merkt man seinem Appetit deutlich an. Gerald  war bereits auf der ganzen Welt unterwegs, hat nahezu alle Kontinente schon zu Fuß erkundet und kann auf bemerkenswerte Erlebnisse zurückblicken.

Nach dem Frühstück stell ich mich wie bereits am Vortag an die Straße. Ich brauche Lebensmittel und an der Tankstelle soll es Medikamente geben. Heute soll das Glück nicht mit mir sein, nachdem mich nach zehn Minuten das erste vorbei fahrende Auto stehen lässt, leih ich mir ein Fahrrad und fahr die fünf Kilometer in den Ort.

An der Supermarktkasse treffe ich die Französin Florence wieder. Sie hat die Nacht hier im Ort verbracht und weil sie, im Rahmen eines Sozialprojekts, später noch einen Termin in der örtlichen Schule hat, gehen wir noch einen Kaffee trinken.

So ist es Mittag als ich vom Campingplatz in Kilpisjärvi aufbreche. Ich habe zu viel Essen gekauft, so dass es eine Weile dauert, bis ich alles im Rucksack untergebracht habe. Am Eingang treffe ich noch auf den Ultrarunner von gestern, welcher noch schnell zum Dreiländereck laufen möchte, bevor er weiter fährt. Auch der alte Finne aus der Saarijärvihütte taucht plötzlich auf und wünscht mir alles Gute. So trifft sich alles in dem kleinen finnischen Ort wieder.

Faule nehmen ab hier die Fähre über den See und erreichen das Dreiländereck Treriksröset nach rund einer Stunde Fußmarsch. Der Nordkalottleden jedoch, führt vom Wanderzentrum aus in den Birkenwald, umquert den See der dem Ort seinen Namen gab und führt durch den Malla Nationalpark zum gelben Betonklotz der den Treffpunkt der drei skandinavischen Länder markiert.

Ich will es zwar langsam angehen lassen, meinen gestrigen Pausentag auf heute ausdehnen, entscheide mich aber für den Fußweg. Zumindest die wenigen Kilometer bis zur finnischen Kuohkimajärvi Hütte möchte ich zurücklegen. Somit gehe ich ein Stück die Straße entlang und treffe dort wieder auf den Kalottireiti wie er hier in Finnland heißt.

Auf den folgenden Kilometern bin ich selten alleine, Kilpisjärvi ist nicht nur Ausgangspunkt für Wanderungen zum Halti, nein auch in diese Richtung bietet es sich an für kurze Touren zum Treriksröset. Auch ist der Nordkalottleden in dieser zweiten Etappe bis Abisko deutlich häufiger begangen. Immer noch selten, vor allem so spät im Jahr, aber doch häufiger als zwischen Kautokeino und Kilpisjärvi.

Treriksröset
Ein gelber Betonklotz markiert das Treriksröset
Der Kilpisjärvi

Am Dreiländereck mache ich es mir in der Hütte gemütlich. Krist ist bereits seit einem Tag hier und kuriert eine Verletzung aus. Auf dem Weg vom Halti zum Kebnekaise ist der Schwede kurz vor der Hütte auf einem der rutschigen Bohlenwege ausgerutscht. Anna, der ich seit Kilpisjärvi immer wieder begegnet bin, stößt bald hinzu. Sie ist Ärztin und macht ihm nicht viele Hoffnungen auf baldige Genesung. Das lädierte Bein solle er schonen und kühlen sagt sie, während Krist stetig im Kreis läuft und nicht still halten kann. Die junge Finnin wird den nächsten Tag hier auf der Hütte verbringen und sich eine schöne Zeit machen. Tags darauf wird sie dann mit Krist gemeinsam mit dem Boot zurück nach Kilpisjärvi fahren. Für sie ist dann der Urlaub vorbei und auch der Schwede wird seine Pläne wohl ändern müssen.

Kuohkimajärvi
Finnische Kuohkimajärvi Hütte am Dreiländereck

Den Abend sitzen wir noch lange zusammen. Krist hat seinen Job verloren. Der schwedische Telekomausrüster, für den er tätig war, steckt in einer Krise, bezahlt ihm aber noch anderthalb Jahre lang sein Gehalt. Seine freie Zeit nutzt er um den jeweils höchsten Gipfel der europäischen Länder zu besteigen. In Garmisch-Partenkirchen war er bereits im Vorjahr.

Anna hingegen entflieht hier für wenige Tage ihrem Alltag. Sie ist gerne draußen, im Winter oft mit Hängematte unterwegs. Hat sie Zuhause Mann und Kind, kann sie hier draußen machen, was sie möchte. In ihrem 30 Kilogramm schweren Rucksack sind neben großem Messer, Trangia Kochgeschirr und Hillebergzelt auch ein Tetrapack Rotwein und eine Flasche Whiskey. Mit den schweren Stiefeln, ihrer Outdoorhose, dem in die Hose gesteckten Wanderhemd und dem blonden Pferdeschwanz ist wohl tough das Adjektiv, das ihr Erscheinungsbild am ehesten beschreibt.

Als später am Abend noch ein Däne mit seiner kleinen Tochter und Florence eintrudeln, sitzen fünf Nationen an dem kleinen Tisch. Wie auch ich, hat Anna ihr Zelt in der Nähe der Hütte aufgeschlagen. Während der Rest es sich auf der Pritsche gemütlich macht, stehen wir noch eine Weile draußen bevor wir schlafen gehen. Beim Blick zum Himmel überlegen wir, ob es heute Nacht aufklaren wird und wir Polarlichter zu sehen bekommen oder die schwarzen Wolken am Horizont sich über uns entladen werden. Sie meint den Regen bereits zu riechen, ich habe nur den Rauch ihrer Zigarette in der Nase.

Treriksröset – Rostahytta 33km

Vom Dreiländereck aus gibt es die Möglichkeit das Pältsa Massiv östlich durch Schweden oder westlich über die Goldahytta in Norwegen zu umgehen. Ich möchte nicht ohne Not vom NKL abweichen und halte mich an die schwedische Route Richtung Pältsastugan. Schon bald lasse ich die Birkenwälder hinter mir und steige in die karge Bergwelt auf.

Die Pälstastugan liegt malerisch unter dem namensgebenden Bergmassiv. Die schwedischen Hütten haben zumeist einen Hüttenwart, der die Bezahlung entgegen nimmt und sich um die Hütte kümmert. Der Stugvärd fordert mich auf, ruhig hinein zu gehen, wenn ich meine Socken wechseln und etwas essen möchte. Die Küche, welche gleichzeitig Aufenthaltsraum ist, fällt deutlich größer aus als bei den norwegischen Hütten. Ist zugleich aber auch sehr viel funktioneller und nicht so gemütlich eingerichtet. Drei Wochen bleibt er noch hier oben, dann ist die Saison zu Ende.

Pältsan
Der 1442m hohe Pältsan
Oft fehlt die Relation um die Dimensionen in einem Bild einzufangen

Pältsastugan

Auf meinem weiteren Weg Richtung Rostahytta führt mich der Weg in ein weites Tal hinein.  Die Vegetation um mich herum nimmt allmählich eine herbstliche Färbung an, die Wolken hängen tief und verschlucken die Berggipfel. Der Wind rauscht in meinen Ohren, der feine Sprühregen läuft an der Kleidung herunter und ich schreite durch die raue unwirkliche Landschaft. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. So hatte ich mir das vorgestellt. Das taugt mir.

Doch ohne Windschutz im Regen mein Zelt aufzubauen – nein darauf hab ich nun wirklich keine Lust. Also steht schnell der Entschluss fest, bis zur Rostahytta durch zu marschieren und erstmals auf einer Hütte des norwegischen Wandervereins zu übernachten. Eine Premiere für mich.

Am Morgen bin ich in Finnland gestartet, habe Schweden durchquert und bin mittlerweile wieder in Norwegen angekommen. Mit zunehmend immer besser werdender Laune geht es um einen See herum und durch einen tieferen Fluss hindurch. Kurz vor meinem Tagesziel bricht nun doch noch die Sonne durch und der Regen hört auf.

Dies lässt mich kurz überlegen nun doch noch mein Zelt aufzubauen, aber dann bin ich bereits angekommen. Die Rostahütte besteht aus mehreren Gebäuden, ich komme bei zwei Deutschen unter. Im Inneren der Hütte ist es bereits dunkel, der Ofen brennt und die beiden bieten mir einen Tee an. Ich wärme mich eine Weile am Ofen, wasch mich noch schnell, mache mir dann etwas zu Essen und verschwinde im Bett.

Tolle Hütte, alles richtig gemacht.